Katrin Keller / Matthias Schnettger (Hgg.): Transalpine Transferprozesse im 17. Jahrhundert. Die Gonzaga-Kaiserinnen zwischen Mantua und Wien (= Mainzer Studien zur Frühen Neuzeit; 4), Bielefeld: transcript 2025, 366 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-8376-7636-5, 55,00
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Anlass für diesen Sammelband war - wie so oft - ein Jubiläum: Mit der zweiten Eheschließung Kaiser Ferdinands II. (1578-1637) mit Eleonora Gonzaga von Mantua (1598-1655) im Jahr 1622 begann eine mehr als sechzig Jahre währende enge Verbindung zwischen den Höfen in Wien und Mantua. Diese wurde durch die Heirat Ferdinands III. (1608-1657) mit Eleonora Gonzaga (1628-1686), einer Großnichte seiner Stiefmutter aus der Linie Gonzaga-Nevers, weiter gefestigt. Beide Frauen wirkten entsprechend der leitenden These der Herausgeber Katrin Keller und Matthias Schnettger "nicht nur selbst in vielfältiger Weise als Mittlerinnen zwischen ihrem Herkunfts- und ihrem Aufnahmehof, sondern stießen in ihrem Umkreis mannigfache transalpine Transferprozesse an." (8) Die Untersuchung vielfältiger Formen weiblicher Herrschaft führt längst kein Schattendasein mehr, sondern hat Hochkonjunktur in der Geschichtswissenschaft; u. a. haben die beiden Herausgeber mit Publikationen zu den Kaiserinnen [1] selbst maßgeblich zu dieser Entwicklung beigetragen. Der vorliegende interdisziplinär angelegte Sammelband fügt sich somit in ein dynamisches Forschungsfeld ein, das nach Handlungsspielräumen, Netzwerken und Vermittlungsleistungen hochfürstlicher Frauen in der Frühen Neuzeit fragt.
Das Buch eröffnet im ersten Block "Die Kaiserinnen in ihrem Umfeld" mit mehreren historischen Beiträgen. Hannes Alterauge untersucht im Kontext des Mantuanischen Erbfolgekrieges das politische Engagement der Kaiserin Eleonora Gonzaga im Zeitraum von Dezember 1627 bis Frühjahr 1628. Die Umsetzung ihrer Ziele scheiterte jedoch an der spanisch-französischen Konkurrenz sowie an der Kompromisslosigkeit Carlo I. Gonzagas (1580-1637). Dagegen gelang Maria Gonzaga (1609-1660) durch ihre persönliche Beziehung zur Tante am Wiener Hof ein Erfolg, indem sie die kaiserliche Heirat ihrer Tochter durchsetzen konnte; ihr Wirken wird im Beitrag von Alice Raviola dargestellt. Detailliert schildert Luca Morselli Eleonora Gonzagas Beitrag zum Zustandekommen der Ehe ihres Neffen Ferdinando Carlo von Gonzaga-Nevers (1652-1708), womit sie sich gegen konkurrierende Interessen durchsetzte und ein weiterer Erbfolgekrieg vermieden werden konnte. Dass auch eine Kaiserinwitwe wie Eleonora Gonzaga die Jüngere die dynastischen Geschicke der Aufnahmefamilie weiterhin aktiv mitzugestalten vermochte - etwa bei der Neuvermählung Leopolds I. (1640-1705) - zeigt Katrin Keller in ihrer Studie.
Um das Erbe des italienischen Beraters Kaiser Matthias' (1557-1619), Ottavio Cavriani (1530-1617), dreht sich die Untersuchung von Andrea Isabella Basile, die dafür das mantuanische Adelsarchiv dieser Familie ausgewertet hat. Abgesehen von Mantua unterhielt Eleonora Gonzaga-Nevers während ihrer fast dreißigjährigen Witwenzeit ein weit verzweigtes Netzwerk mit mehreren apostolischen Nuntien zur Interessensvertretung in Rom. Claudia Curcuruto veranschaulicht in ihrem Beitrag Eleonoras Verflechtung mit Kardinal Francesco Buonvisi (1626-1700) und deutet beide als "Mediatoren und Bindeglieder zwischen Kaiserhof und Rom" (137). Matthias Schnettger beschließt diese Sektion mit einem Beitrag zum Einfluss von Italienern und der italienischen Sprache am Kaiserhof im 17. Jahrhundert. Dabei konstatiert er, dass das Italienische durch den Einfluss der beiden Gonzaga-Kaiserinnen sowie der zahlreichen am Hof beschäftigten Künstlerinnen und Künstler zur zweiten Hofsprache avancierte; Italienisch konnte am Wiener Hof somit weitgehend ungehindert verwendet werden.
Besonders deutlich traten die von den Herausgebern hervorgehobenen transalpinen Transferprozesse im kulturellen Bereich zutage. Diesem Themenfeld widmet sich der zweite Abschnitt des Bandes, "Transferprozesse", der unterschiedliche Formen des künstlerischen Austauschs zwischen Wien und Mantua in den Blick nimmt. Klaus Pietschmann untersucht die anlässlich der Hochzeit Ferdinands II. im Wiener Stephansdom aufgeführte Festmotette "Ingredere Augustum thalamum" anhand einer Beschreibung Gabriele Bertazzolos (1570-1626). Die Motette war die letzte ihrer Art, nachdem diese Gattung seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert einen festen Platz in der habsburgischen Hoffestkultur eingenommen hatte.
Mit den nach Wien importierten Oratorien behandelt Marko Deisinger eine für den Kaiserhof des 17. Jahrhunderts charakteristische und in großer Zahl überlieferte musikalische Gattung. Eleonora die Jüngere ließ diese im italienischen Original aufführen und trug damit maßgeblich zur Durchsetzung des "oratorio volgare" bei. Leonardo Mancini widmet sich dem künstlerischen Schaffen des bereits erwähnten, am Mantuaner Hof tätigen Ingenieurs Bertazzolo. Er zeigt, dass dessen Theaterstück "La Gonzaga" nicht nur ein Zeugnis einer politischen Zäsur in der Geschichte Mantuas darstellt, sondern zugleich als Verdichtungsraum unterschiedlichster Wissensbestände seiner Zeit gelesen werden kann.
Die Vorreiterrolle der beiden Gonzaga-Kaiserinnen bei der Etablierung von Ballett und Oper am Kaiserhof beleuchtet Andrea Sommer-Mathis. Besonders aufschlussreich ist dabei der Hinweis, dass sich Eleonora die Ältere selbst als Choreografin und Ballettmeisterin betätigte. Marion Romberg nimmt demgegenüber einen Vergleich druckgraphischer Darstellungen vor. Sie gelangt zu dem Ergebnis, dass der "Nachrichtenwert einer Fürstin von ihrem jeweiligen Status abhing" und zugleich "eine Kontinuität in der Darstellung der Kaiserinnen bei den Kaiserinnenkrönungen von 1630 und 1653 zu konstatieren" (283) sei. Ein Verzeichnis der bekannten Porträts der beiden Gonzaga-Kaiserinnen legt Paolo Bertelli in seiner Studie vor. Dadurch wird nicht zuletzt der starke Einfluss flämischer Maler sichtbar, die am Wiener Kaiserhof mit italienischen Künstlern konkurrierten. Die vielfältigen Verflechtungen der höfischen Kunstwelt greift auch Cecilia Mazzetti di Pietralata auf, die nachzeichnet, auf welchen Wegen römische Kunst und Kultur zu Eleonora Gonzaga-Nevers gelangten. Doch auch italienische Baumeister waren in der Kaiserstadt verbreitet. Sie prägten das Erscheinungsbild der Residenz. Herbert Karner widmet sich ihrer Präsenz in Wien und weist dabei den Aufenthalt von "zwei lombardische[n] Exilanten-Gruppen" (348) nach.
Insgesamt überzeugt der Sammelband durch seine breite Anlage und die konsequente Ausrichtung auf die von den Herausgebern fokussierten transalpinen Transferprozesse zwischen Mantua und Wien. Die Beiträge zeigen eindrücklich, wie stark politische, kulturelle und künstlerische Verflechtungen durch die beiden Gonzaga-Kaiserinnen geprägt wurden, die sich als zentrale Akteurinnen dynastischer Vermittlung erweisen. Dabei gelingt es dem Band, unterschiedliche Zugänge produktiv zusammenzuführen und die Rolle hochadeliger Frauen als Motoren kultureller und politischer Austauschprozesse sichtbar zu machen. Gerade die Heterogenität der Beiträge verweist zugleich auf die Vielschichtigkeit des Forschungsfeldes und unterstreicht den Gewinn einer interdisziplinären Perspektive.
Anmerkung:
[1] Katrin Keller: Die Kaiserin. Reich, Ritual und Dynastie, Wien 2021; Bettina Braun / Katrin Keller / Matthias Schnettger (Hgg.): Nur die Frau des Kaisers? Kaiserinnen in der Frühen Neuzeit (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung; 64), Wien 2015.
Julian Lahner