Rezension über:

Felicia Roşu (ed.): Slavery in the Black Sea Region, c.900-1900. Forms of Unfreedom at the Intersection between Christianity and Islam (= Studies in Global Slavery; Vol. 11), Leiden / Boston: Brill 2021, XXIII + 448 S., ISBN 978-90-04-47071-2, EUR 179,00
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Rezension von:
Stephan Conermann
Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Conermann: Rezension von: Felicia Roşu (ed.): Slavery in the Black Sea Region, c.900-1900. Forms of Unfreedom at the Intersection between Christianity and Islam, Leiden / Boston: Brill 2021, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/07/41495.html


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Felicia Roşu (ed.): Slavery in the Black Sea Region, c.900-1900

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Die Herausgeberin Felicia Roşu versteht die Schwarzmeerregion als Kontaktzone zwischen Christentum und Islam, in der sich sehr unterschiedliche Formen von Unfreiheit oder, wie wir im Bonner Exzellenzcluster sagen würden, von starken asymmetrischen Abhängigkeiten entwickelten. Sie betont, dass die Region lange im Schatten der Forschung zur atlantischen Sklaverei stand, obwohl zwischen dem Mittelalter und dem 19. Jahrhundert Millionen Menschen von Versklavung, Gefangenschaft und Lösegeldsystemen betroffen waren. Die Beiträge zeigen, dass die Schwarzmeerregion weder ausschließlich als "Sklavengesellschaft" noch als Gesellschaft mit bloßer Randerscheinung von Sklaverei verstanden werden kann. Vielmehr existierte ein Kontinuum von Unfreiheit, das von kurzfristiger Gefangenschaft bis zu lebenslanger Versklavung reichte. Da nicht auf alle Beiträge einzeln eingegangen werden kann, müssen zusammenfassende Aussagen genügen.

Die einleitenden Kapitel widmen sich der Rolle italienischer Handelsrepubliken (Michel Balard: "Black Sea Slavery in Genoese Notarial Sources, 13th-15th Centuries", 19-40; Sergei Karpov: "Slavery in the Black Sea Regiaon in Venetian Notarial Sources, 14th-15th Centuries", 41-63). Genua und Venedig etablierten zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert ein weitreichendes Netz von Handelsstützpunkten. Besonders die genuesische Kolonie Caffa auf der Krim wurde zu einem zentralen Umschlagplatz des Menschenhandels. Notarielle Quellen zeigen Herkunft, Alter, Geschlecht und Preise der Versklavten. Die italienischen Kaufleute integrierten die Schwarzmeerregion in die Wirtschaftsräume des Mittelmeerraums. Nach der osmanischen Expansion veränderten sich die Handelswege, doch die Bedeutung der Region als Reservoir menschlicher Arbeitskraft blieb bestehen.

Die Beiträge zu Christentum und Sklaverei (Daphne Penna: "The Role of Slaves in the Byzantine Economy, 10th-11th Centuires: Legal Aspects", 63-89; Sandra Origone: "Christian Slave Traders, Slave Owners, and Slaves in 13th-15th Centuries", 90-116; Viorel Achim: "The Orthodox Church and the Emancipation of Gypsy Slaves in the Romanian Principalities in the 19th Century", 117-145) machen deutlich, dass christliche Gesellschaften keineswegs grundsätzlich gegen Sklaverei eingestellt waren. Im Byzantinischen Reich erfüllten Sklaven wirtschaftliche Funktionen im Handwerk und Handel. Rechtstexte zeigen, dass versklavte Menschen als Arbeitskräfte eingesetzt wurden und unter bestimmten Bedingungen Handlungsspielräume besaßen. Die beiden anderen Studien verdeutlichen, dass christliche Akteure selbst als Sklavenhändler und Besitzer auftraten. Die orthodoxe Kirche spielte im 19. Jahrhundert schließlich eine wichtige Rolle bei der Emanzipation der Roma-Sklaven in den rumänischen Fürstentümern. Dieser Prozess unterstreicht, wie sich moralische und politische Vorstellungen von Freiheit wandelten.

Ein Schwerpunkt des Bandes liegt auf den nördlichen Küstengebieten des Schwarzen Meeres. (Mikhail Kizilov: "'It was the Poles That Gave Me Most Pain': Polish Slaves and Captives in the Crimea, 1475-1774", 145-186; Andrzej Gliwa: "How Captives Were Taken: The Making of Tatar Slaving Raids in the Early Modern Period", 187-249; Maryna Kravets, Victor Ostapchuk: "Cossacks as Captive-Takers in the Ottoman Black Sea Region and Unfreedom in the Northern Countries", 250-338) Die Krimtataren organisierten über Jahrhunderte hinweg Raubzüge in die Gebiete Polen-Litauens, Moskaus und anderer Nachbarregionen. Die Gefangenen wurden entweder gegen Lösegeld freigelassen oder auf Sklavenmärkten verkauft. Die Studien zeigen, dass Gefangenschaft ein allgegenwärtiges Risiko des Grenzlebens darstellte. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Behandlung der Gefangenen keineswegs einheitlich war. Während einige Opfer harte Arbeitsbedingungen ertragen mussten, gelang anderen die Rückkehr durch Freikauf oder diplomatische Bemühungen. Die Analyse der Tatarenraubzüge rekonstruiert die Organisation dieser Unternehmungen. Sie waren keine chaotischen Überfälle, sondern folgten militärischen und ökonomischen Logiken. Gefangene stellten eine bedeutende Ressource dar. Die Autor*innen betonen jedoch, dass die genaue Zahl der Verschleppten nur schwer zu bestimmen ist. Schätzungen gehen dennoch von mehreren Millionen Betroffenen aus. Die Auswirkungen auf die Demographie und die kollektive Erinnerung der betroffenen Regionen waren erheblich. Die Untersuchung zu den Kosaken erweitert die Perspektive, indem sie zeigt, dass die Grenzen zwischen Tätern und Opfern fließend waren. Kosaken wurden selbst versklavt, beteiligten sich jedoch ebenso an der Gefangennahme von Tataren und anderen Bevölkerungsgruppen. Damit unterstreicht der Band die Besonderheit der Schwarzmeerregion: Anders als in rassistisch begründeten Sklavensystemen konnten die Rollen von Versklavten und Versklavern wechseln.

Die sogenannten "Circassian Questions" beschäftigen sich mit der Stellung der Tscherkessen im Schwarzmeerhandel. (Hannah Barker: "What Caused the 14th Century Tatar-Circassian Shift?", 339-363; Natalia Królikowska-Jedlińska: "Slaves oft he Crimean Khan or Muslim Warriors? The Status of Circassians in the Early Modern Period", 364-386) Die beiden Autorinnen diskutieren die Gründe für die zunehmende Bedeutung dieser Bevölkerungsgruppe im Sklavenhandel des Spätmittelalters. Zugleich wird untersucht, ob Tscherkessen im Osmanischen Reich primär als Sklaven oder als muslimische Krieger wahrgenommen wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass soziale Stellung, religiöse Zugehörigkeit und politische Interessen die rechtliche Einordnung maßgeblich beeinflussten.

Die abschließenden Beiträge (Colin Heywood: "People-Taking across the Mediterranean Frontier", 387-417; Dariusz Kołodziejczyk: "Slavery and the Slave Trade in the Atlantic and the Black Sea: A Comparative View", 418-442) verorten die Schwarzmeerregion in globalen Zusammenhängen. Vergleiche mit dem Mittelmeerraum verdeutlichen Gemeinsamkeiten im Umgang mit Gefangenen, aber auch Unterschiede in den institutionellen Rahmenbedingungen. Besonders aufschlussreich ist der Vergleich zwischen der atlantischen und der schwarzmeerischen Sklaverei. Während die atlantische Sklaverei zunehmend durch rassische Kategorien geprägt wurde und sich durch eine hohe Stabilität der Rollen auszeichnete, blieb die Schwarzmeerregion durch größere soziale Mobilität und wechselnde Konstellationen gekennzeichnet. Dennoch verband beide Systeme die Kommerzialisierung menschlicher Arbeitskraft und die wirtschaftliche Verwertung von Unfreiheit.

Nach der Lektüre der einzelnen Beiträge des Sammelbandes verfestigt sich die - ohnehin schon bekannte - zentrale Erkenntnis, dass Sklaverei nicht als einheitliches Phänomen verstanden werden kann. Die Schwarzmeerregion macht deutlich, wie unterschiedlich Formen von Unfreiheit bzw. starken asymmetrischen Abhängigkeiten ausgestaltet sein konnten. Religion spielte eine wichtige Rolle, wurde aber immer wieder von ökonomischen und politischen Interessen überlagert. Der Band plädiert daher für flexible Analysemodelle, die lokale Besonderheiten ernst nehmen und zugleich globale Vergleichsperspektiven eröffnen. Insgesamt leistet das Werk einen bedeutenden Beitrag zur Globalgeschichte der Sklaverei. Es erweitert den Blick über die bekannten Beispiele der Antike und des Atlantiks hinaus und zeigt die Schwarzmeerregion als dynamischen Raum der Begegnung, Gewalt und Verhandlung von Freiheit und Unfreiheit. Auch für den Unterricht eignet sich der Band besonders, weil er unterschiedliche methodische Zugänge vereint und dazu anregt, etablierte Definitionen von Sklaverei kritisch zu hinterfragen.

Stephan Conermann