Timothy Andrews Sayle: The Next War. Indications Intelligence in the Early Cold War, Calgary: University of Calgary Press 2025, X + 243 S., ISBN 978-1-77385-623-0, USD 38,99
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"Ich sei, gewährt mir die Bitte / In Eurem Bunde der Dritte": Mit Friedrich Schiller ließe sich das neue Buch von Timothy Andrews Sayle perspektivieren, in dem es um das Problem der Frühwarnung vor einem sowjetischen Angriff im frühen Kalten Krieg vornehmlich aus kanadischer Sicht geht. Ausgangspunkt sind die Bemühungen Ottawas, nach dem Zweiten Weltkrieg als gleichberechtigter Partner der US-amerikanischen und britischen Nachrichtendienste Akzeptanz zu finden. Dass dabei die Möglichkeiten der beiden anderen Länder in der geheimen Aufklärung gegen die Sowjetunion deutlich größer waren, bestritten die Kanadier nicht. In der Auswertung der gewonnenen Erkenntnisse beanspruchten sie nunmehr Mitsprache auf Augenhöhe - haderten sie doch damit, im vergangenen Krieg aus alliierten Entscheidungsprozessen weitgehend ausgeschlossen und auf eine nachgeordnete Rolle als Truppensteller reduziert worden zu sein. Das sollte sich nicht wiederholen. Im Zeitalter der Atomwaffen boten Atlantik und Pazifik zudem keinen unüberwindbaren Schutz mehr. Die Sorge vor der Möglichkeit eines überraschenden Angriffs Moskaus auf Europa und Nordamerika, wo USA und Kanada unvermeidlich in einem Boot saßen, reichte gerade im ersten Jahrzehnt nach dem Krieg tief. Weil es, was die Analyse der sowjetischen militärischen Absichten und Fähigkeiten betraf, potenziell um Leben und Tod der Nation ging, wollten die Kanadier sich nicht den Meinungen Washingtons unterordnen - Ottawa bewertete die US-Politik gegenüber der UdSSR als potenziell zu offensiv.
Sayle, der mit Arbeiten zur Geschichte der NATO und der Post Cold War Era hervorgetreten ist, hat seine Studie in zwei Teile gegliedert: Zunächst geht es um die Jahre 1944 bis 1954, als die Sorge vor einer sowjetischen Offensive in Nordamerika, aber auch in Großbritannien beständig wuchs. Einen weiteren Schub erhielt sie durch den Koreakrieg. Besonders die amerikanischen Nachrichtendienste und das Militär suchten unablässig nach Hinweisen bezüglich einer "Imminence of War" (so auch der Titel des ersten Abschnitts), bevor sie in den Jahren danach weniger alarmistisch, dafür systematischer im Rahmen einer checklistenartigen Indications Intelligence nach Anzeichen möglicher Kriegsvorbereitungen fahndeten. Der Autor betritt Neuland, da er sich auf die breite Nutzung bislang unveröffentlichter kanadischer Quellen stützen kann, deren Freigabe allerdings "a long and tedious effort, filled with frustrations" gewesen sei (180). Ergänzend konnte er Akten aus den britischen National Archives und dem Electronic Reading Room der CIA heranziehen. Um das Thema herum hat es bislang nur wenige Veröffentlichungen gegeben, wie das knappe Literaturverzeichnis zeigt.
Entstanden ist eine trotz überschaubaren Umfangs sehr dichte, materialreiche Untersuchung, die allerdings nicht von den Praktiken der klandestinen Informationsgewinnung und -auswertung handelt, also nicht vom Kern des nachrichtendienstlichen Geschäftes. Stattdessen geht es um die politischen, diplomatischen und militärischen Abstimmungsprozesse, die seitens Kanadas auf eine gemeinsame Feindlagebewertung zielten. Die eng an den erstmals einsehbaren Grundlagendokumenten entlang erzählte Geschichte ist eine bisweilen etwas trockene, inhaltlich aber aufschlussreiche Lektüre. Naheliegenderweise verrät sie nichts über tatsächliche militärische Planungen der Sowjetunion, sondern klärt über die Russlandperzeption und die nukleare Kreml-Astrologie der drei englischsprachigen NATO-Mitglieder in den ersten beiden Jahrzehnten des Kalten Kriegs auf.
Seitdem Moskau 1949 Atomwaffenfähigkeit erlangt hatte, waren die militärpolitische und militärfachliche Lagebewertung einerseits und die "nuclear retaliation procedures" andererseits unbestritten "flip side of the same coins" (155). Dieser Zusammenhang erklärt - neben den erwähnten Weltkriegslehren - das dringliche Interesse Kanadas, die Bewertung von Fähigkeiten und Intentionen der UdSSR in einer "Agreed Intelligence" mit seinen Partnern einvernehmlich zusammenzuführen und nicht auf Washingtons Gnade in der Beteiligung an Aufklärungsergebnissen angewiesen zu sein (126). Ottawa machte sich derart auch zum Anwalt der Interessen aller kontinentaleuropäischen NATO-Mitglieder, die eben nicht nur auf den atomaren Schutzschirm der USA vertrauen mussten, sondern in ähnlichem Maße auf Einschätzung (und Glaubhaftigkeit) der US-Dienste, was die Wahrscheinlichkeit eines kommenden Kriegs anging.
In den Mittelpunkt der Untersuchung rücken unterschiedliche Positionen gerade in den Außenministerien und im Militär der drei untersuchten Länder. Insbesondere die Diplomaten in Ottawa befürchteten lange, dass die Einschätzung drohender Kriegsgefahr zu Maßnahmen seitens der US-Streitkräfte führen konnte, die wiederum vom Kreml als Vorbereitungen auf einen geplanten westlichen Angriff gelesen werden mochten - ein Dilemma, das Sayle wiederholt hervorhebt: "a profound distrust of the military mind and all of its works" (32). Befördert noch von dem Wissen um institutionelle Egoismen der verschiedenen beteiligten Ministerien, beruhte "the likelihood of war" nicht nur auf der nüchternen Bewertung der "logic of risks", sondern ebenso der "needs of departments" (100). Angesichts von Ressortegoismen, flankiert von nationalen Vorbehalten, sollte es bis 1957 dauern, bevor sich die USA, das Vereinte Königreich und Kanada formal auf das sogenannte Tripartite Intelligence Alerts Agreement einigten. Auch danach blieb unklar, ob in der Kommunikationsinfrastruktur dieses Abkommens Allerweltsmeldungen über die Sowjetunion laufen durften, oder ob es sich ausschließlich um ein Alarmsystem für Anzeichen eines tatsächlich drohenden Kriegs handeln sollte; ob es ausschließlich den NATO-Raum abzudecken hatte oder ob es der weltweiten Vorsorge diente.
Immerhin: Auch wenn die Meldeverfahren des Abkommens seit 1966 nicht mehr genutzt wurden und das System in eine Art Halbschlaf fiel, offiziell aufgelöst ist es bis heute offenkundig nicht. Der langwierige Entstehungsprozess verdeutlicht letzten Endes, dass sich die Dienste der drei Länder trotz vieler Hindernisse erfolgreich zu einer "assessment-sharing community early in the Cold War" (179) zusammenfanden - und Kanada insofern sein politisches Ziel erreicht hat. Sayles Buch ruft die nachrichtendienstliche Vorbereitung Washingtons, Londons und Ottawas auf den nächsten großen Krieg sowie die hintergründige Sorge vor einer sowjetischen Aggression - bei den Kanadiern zudem: vor einer amerikanischen Überreaktion - bald nach 1945 und mindestens bis zur Kubakrise ins Bewusstsein. Auf diese Weise lässt es sich angesichts der aktuell unsteten Weltlage en passant als historischer Kommentar zu einer heute gelegentlich anzutreffenden Tendenz lesen, Konfrontationsdynamik und war scare des Kalten Kriegs als strukturell vermeintlich eingehegten, kontrollierten Konflikt zu verstehen.
Armin Wagner