G.H.A. Juynboll: Encyclopedia of Canonical Ḥadīth, Leiden / Boston: Brill 2007, xxxiii + 804 S., ISBN 978-90-04-15674-6, EUR 209,00
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Endlich! Das mag mancher denken, der den Titel liest. Endlich eine Enzyklopädie mit den kommentierten Übersetzungen aller in den kanonischen Sammlungen enthaltenen Überlieferungen! Leider wird man arg enttäuscht, wenn man das Buch aufgeschlagen und durchgesehen hat. Die Enzyklopädie entpuppt sich als ein (zugegebenermaßen sehr gutes) Lexikon wichtiger Tradenten. G. H. A. Juynboll hat in den letzten 40 Jahren unermüdlich und substantiell zu hadith-wissenschaftlichen Fragestellungen gearbeitet. Die westliche Hadith-Forschung ist jedoch stark ausdifferenziert, wobei sich dem überaus komplexen Material sehr unterschiedlich genähert wird. Grundsätzlich geht es um die Frage, ob und aufgrund welcher Kriterien man an die Authentizität der Hadithe glaubt. Juynboll ist dabei einer Richtung gefolgt, die insbesondere von Joseph Schacht (gest. 1969) vertreten worden ist: Schacht ging davon aus, dass Hadithe wahrscheinlich von derjenigen Person stammen, bei der die verschiedenen Traditionslinien zusammenlaufen, und die er als 'common link' bezeichnete. Schacht und seine Anhänger (auch Juynboll) sind der Meinung, dass die meisten Überlieferungen von den 'common links' erfunden und dann mit einem Isnad bis zum Propheten versehen worden sind. Juynboll hat im Laufe der Zeit eine sehr feinsinnige und nur für fortgeschrittene Islamwissenschaftlerinnen und Islamwissenschaftler im Detail nachvollziehbare Methode entwickelt, um den 'Produzenten' einer solchen Überlieferung zu identifizieren. Sehr hilfreich ist daher die Zusammenfassung seiner Vorgehensweise auf den Seiten XVII bis XXXIII des zu besprechenden Buches.
Also: wir haben es auf keinen Fall mit einer Enzyklopädie der kanonischen Hadithe zu tun, sondern, da ja die Tradenten im Vordergrund des Interesses stehen, mit einer sehr begrenzten Auswahl. Bemerkenswerterweise gibt es noch nicht einmal einen Index der Überlieferungen. Dies führt dazu, dass man, wenn man einen bekannten Bericht sucht, unter einem der Überlieferer oder unter einem Sachterminus nachsehen muss. Leider findet man zu einzelnen Tradenten bisweilen recht viele Einträge, die man dann der Reihe nach durchgehen müsste, wobei die Gefahr besteht, dass der gesuchte Hadith gar nicht aufgenommen wurde.
Auf den 730 Textseiten des Werkes gibt uns Juynboll vielmehr "an alphabetical list of persons with whom canonical traditions may be associated" (1), also mehrheitlich Hadith-Überlieferer, die der Autor mittels seiner Isnad-Analysen als 'common links' ausgemacht hat. Pate für die Encyclopedia of Canonical Hadith stand das von Jamal ad-Din al-Mizzi (gest. 742/1341) verfasste Werk "Tuhfat al-ashraf", mit dem sich Juynboll schon seit langer Zeit beschäftigt. Die "Tuhfat al-ashraf" beinhaltet alle Überlieferungen der sechs kanonischen Sammlungen, wobei die Grundsystematik eine alphabetische Liste von denjenigen Prophetengefährten darstellt, die über ihn angeblich einen oder mehrere Berichte tradiert haben.
In den Beiträgen zu den einzelnen Tradenten diskutiert Juynboll im Anschluss an die eigentliche Lebensbeschreibung auch ausgewählte Hadithe, "in an attempt to justify, or the case so being, speculatively postulate, the identification of that originator" wobei seine Überlegungen, wie er schreibt, auf einer manchmal "merely tentative identification of their respective originators" (XVII) basieren. Für einen Benutzer, der nicht immer Juynbolls hadith-wissenschaftlichen Argumentationen folgen möchte, zumal diese von ernstzunehmenden Leuten wie Harald Motzki und Gregor Schoeler massiv kritisiert worden sind, machen die biographischen Informationen und die zugehörigen Analysen ihrer Karrieren den eigentlichen Wert dieser sogenannten Encyclopedia of Canonical Hadith aus. Islamwissenschaftlerinnen und Islamwissenschaftler, die sich für diese Individuen und für deren Platz in dem Netz der Hadith-Überlieferer interessieren, sollten in diesem Werk zuerst suchen.
Stephan Conermann