Rezension über:

Albrecht Classen (ed.): Magic and Magicians in the Middle Ages and the Early Modern Time. The Occult in Pre-Modern Sciences, Medicine, Literature, Religion, and Astrology (= Fundamentals of Medieval and Early Modern Culture; Vol. 20), Berlin: De Gruyter 2017, X + 757 S., 13 Farb-, 22 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-055607-0, EUR 139,95
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Peter Dinzelbacher
Institut für Geschichte, Universität Wien
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Peter Dinzelbacher: Rezension von: Albrecht Classen (ed.): Magic and Magicians in the Middle Ages and the Early Modern Time. The Occult in Pre-Modern Sciences, Medicine, Literature, Religion, and Astrology, Berlin: De Gruyter 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 10 [15.10.2018], URL: https://www.sehepunkte.de
/2018/10/32220.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Albrecht Classen (ed.): Magic and Magicians in the Middle Ages and the Early Modern Time

Textgröße: A A A

Mit bewundernswerter Energie veröffentlicht Albrecht Classen fast jedes Jahr einen Band in der oben genannten Serie zu Grundthemen der Mittelalterforschung. Auch der vorliegende hat, so wie die früher erschienenen, seinen deutlichen Schwerpunkt darin, wie das thematisierte Phänomen sich in der schönen Literatur des hohen und späten Mittelalters sowie der Frühneuzeit spiegelte. Fragestellungen aus anderen mediävistischen Disziplinen kommen eher ergänzend dazu. Für das Thema Magie wären allerdings theologische, rechtliche und mentalitätshistorisch-psychologische Aspekte besonders wichtig gewesen, denen keine separaten Studien gewidmet sind. Angesichts des Umfangs und der hohen Zahl der Beiträge (25) sollen hier nur jene hervorgehoben werden, die u. E. innovative Zugänge bieten wollen oder selten beachtete Texte analysieren.

Sehr hilfreich ist die Einleitung des Herausgebers, der eine Vielfalt an Sekundärliteratur zitiert und auch religionswissenschaftliche sowie soziologische Magie-Theorien (Marcel Mauss u.a.) skizziert. Ausführlicher werden von ihm als literarische Paradigmen Chaucer's Franklin's Tale und Johannes Hartliebs Puoch aller verpoten kunst vorgestellt, sowie das Volksbuch vom Dr. Faust.

Aus dem Bereich der Romanistik ist zu nennen Cristina Azuela, die den wenig bekannten kurzen Roman de Wistasse analysiert: Der Protagonist, ein historisch nachweisbarer Freibeuter, sei vom Teufel in verschiedenen Zauberkünsten unterrichtet worden; im altfranzösischen Gedicht ist er zu einer Trickster-Figur geworden.

Dass Merlin, zunächst eine prophetische Gestalt, in der altfranzösischen Literatur zum Magier, auch zum diabolischen Zauberer, gemacht wird, legt Anne Berthelot dar. Den geradezu phantastischen Roman über des Zauberers Maugis d'Aigremont Jugend mit seinen verschiedenen magischen Figuren stellt Kathleen Jarchow vor, und Albrecht Classen die niederländischen und deutschen Bearbeitungen dieser Erzählung über einen "christlichen Nigromanten" (91).

Während die germanistischen Bemerkungen über Magie bei Gottfried von Straßburg angesichts der Bekanntheit des Textes und der bekannten Kommentare (bekannten? Keiner der beiden amerikanischen Germanisten kennt den wichtigsten zum Tristan von Lambertus Okken - res ipsa loquitur) und ebenso die zwei anglistischen zu Chaucer unberücksichtigt bleiben dürfen, ist der längste Aufsatz (69 S.) auch einer der besten: Die Genueser Germanistin Chiara Benati hat eine großangelegte und akribische Übersicht über die Abwehr und Verfolgung von Dieben mittels Beschwörungsformeln in allen germanischen Sprachen vorgelegt, zahlreiche Texte zitierend und übersetzend, sie auch teilweise auf antike Tradition zurückführend. Es wird sehr deutlich, wie alltäglich diese Art der Magie war, die protektiv, detektivisch oder punitiv angewandt wurde (das 'Diebsauge', die magische Verletzung dieses Organs, lässt sich von Ägypten bis in die jüngere Neuzeit verfolgen).

Aus anglistischer Sicht behandelt Warren Tormey das eigentlich wichtige Thema der Verbindung des Schmiedehandwerks zur Magie, springt aber wirr zwischen den Epochen und Kulturen hin und her und verliert mitunter den Bezug zum Thema.

Zauberbüchern in deutschen Texten, v. a. im Reinfried von Braunschweig, widmet sich die kenntnisreiche Studie von Christa Tuczay. Mit Morgan le Fay bei Malory kommt eine Zauberin als Hauptperson ins Blickfeld, die freilich mörderische Absichten verfolgt (Dalicia Raymond). Die westslavische Literatur ist mit Beiträgen zu Zauberbüchern und zur Faust-Tradition in Tschechien vertreten (David Tomícek; Jirí Koten).

Protest eingelegt werden muss gegen den Umgang von Amiri Ayanna mit dem Malleus Maleficarum; sie beansprucht, Neues zu bringen: Wer hätte bisher gedacht, das Kramer O.P. - der immerhin promovierter Theologe war - mit alttestamentlichen Zitaten argumentieren konnte, hätte nicht Ayanna dies herausgefunden. Doch sie kennt den Text nur aus einer englischer Übersetzung und die Sekundärliteratur nur in winzigen Bruchteilen. Nicht einmal die Ausgabe plus eingehendem Kommentar von André Schnyder (1993) hat sie herangezogen. Sie hält auch Die Vernichtung der weisen Frauen von Heinsohn und Steiger für seriöse mediävistische Sekundärliteratur! Res ipsa... - Als Kuriosum sei noch angemerkt, dass Christoph Galle, der einzige Kirchenhistoriker, der hier mit einem freilich bekannten Thema, der Konkurrenz heidnischer und christlicher Zauberer bzw. Priester im Frühmittelalter, zu Wort kommt, die 'Germanisierung des Christentums' zwar von dem Buch James Russells (1994) kennt, aber eben sowenig wie dieser bemerkt, dass der Begriff von seinen eigenen Vorgängern, evangelischen Theologen des 19. Jahrhunderts wie Reinhold Seeberg, geprägt wurde.

Zur Kunstgeschichte liegen zwei Studien vor: Nurit Golan versucht in einem an sich gut informierten Aufsatz zu zeigen, dass das ikonographische Programm des Portail des libraires der Rouener Kathedralkirche, welches unter der Schöpfungsgeschichte eine Fülle von Grillen (human-theriomorphe Mischfiguren) bei verschiedensten Tätigkeiten zeigt, die Vielseitigkeit der intellektuellen Bildung der dortigen Kleriker wiedergeben soll, zu der auch Magie gehört hätte. Dies wird durch keinerlei Dokument belegt, sondern ist reine Spekulation, unwahrscheinlich schon aus folgendem Grund: Das Programm war öffentlich zu sehen und wurde in anderen Städten nachgeahmt - kaum denkbar, dass der Rouener Bischof und seine Standesgenossen angesichts der zahlreichen kirchlichen Verurteilungen der Magie diese ausgerechnet an einem Kathedraleneingang gefeiert hätten. Das Gemälde Saul und die Hexe von Endor (1526) von Jacob Cornelisz Van Oostsanen auf die zahlreichen einschlägigen Details und die Bildtradition zu untersuchen, unternimmt erfolgreicher Martha Peacock.

Einen Aufsatz zur Theorie steuert Allison Coudert bei, die gegen Webers Entzauberungs-Konzept polemisiert, da das Interesse der Schriftsteller und Komponisten in der Neuzeit, bes. in der Romantik (bis zu Harry Potter), ja eine Fülle von Gegenbeispielen liefere. Das geht u. E. an der Sache vorbei, denn die Thematik ist so in den 'geschützten Raum' der Künste verschoben, wurde aber für das Alltagsleben und die moderne Mentalität in der Tat immer weniger bedeutend.

Das Thema Magie ist schon seit der Antike von so zahlreichen Autoren behandelt worden, dass es nicht angebracht wäre, hier bibliographische Ergänzungen zu bringen, obwohl die meisten Aufsätze nur zum Teil die bereits vorliegende Sekundärliteratur zur Kenntnis genommen haben. Ich nenne allein zwei Gelehrte, deren Arbeiten mir unverzichtbar erscheinen, aber nirgendwo erwähnt sind: Franz Cumont, der in verschiedenen Publikationen das Verständnis des Wesens der Magie in der (auch die weiteren Jahrhunderte prägenden) Spätantike grundlegend behandelt hat, und Antonio Garrosa Resina, "Magia y superstición en la literatura castellana medieval", Valladolid 1987 (628 S.), dessen Analysen sich mutatis mutandis auch auf andere Kulturkreise anwenden lassen.

So findet man Vorzügliches, lege artis Gearbeitetes und Minderbedeutsames zu einem Ensemble zusammengestellt, das im Vorwort ausgewogen zu präsentieren dem Herausgeber sicher eine delikate Aufgabe war. Er hat sie mit Bravour gelöst und kann sich des Danks der Leser - von denen jeder etwas ihm Hilfreiches finden dürfte - gewiss sein.

Peter Dinzelbacher