Rezension über:

Jill Mann (ed.): Nigel of Longchamp. Speculum Stultorum (= Oxford Medieval Texts), Oxford: Oxford University Press 2023, CLXX + 475 S., ISBN 978-0-19-285771-2, GBP 190,00
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Rezension von:
Ralf Lützelschwab
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fischer
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Lützelschwab: Rezension von: Jill Mann (ed.): Nigel of Longchamp. Speculum Stultorum, Oxford: Oxford University Press 2023, in: sehepunkte 25 (2025), Nr. 3 [15.03.2025], URL: https://www.sehepunkte.de
/2025/03/39152.html


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Jill Mann (ed.): Nigel of Longchamp

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Das Speculum Stultorum ist ein bemerkenswertes Werk - ein satirisches Tierepos, ein Narrenspiegel, der sich in formvollendeten elegischen Distichen, insgesamt 3.900 Verse umfassend, vor allem gegen den Klerus richtet. Doch auch der Laienstand, ja die Gesellschaft als Ganzes, wird zur Zielscheibe erbitterter Kritik. Hauptprotagonist der Versdichtung ist ein törichter Esel namens Burnellus (Brunellus), den ein einziger Wunsch beherrscht: die Verlängerung seines Schwanzes. Er begibt sich zunächst nach Salerno, um im Zentrum medizinischer Gelehrsamkeit seinen Wunsch verwirklicht zu sehen. Ihm werden entsprechende Mittel verkauft, die er aber verliert, als er von einem Zisterziensermönch mit Hunden angegriffen wird. Burnellus begibt sich nach Paris, um dort zu studieren, macht aber keinerlei Fortschritte: Auch nach acht Jahren kann er sich den Namen der Stadt, in der er seinen Studien nachgeht, nicht merken. Er beschließt, in einen bestehenden Orden einzutreten, gründet aber stattdessen einen neuen, indem er die einfachsten Teile aus den Regeln der anderen Orden übernimmt. Schließlich fängt ihn sein Meister wieder ein. Die Moral von der Geschicht: Niemand kann seiner Natur entkommen.

Nigels Narrenspiegel, für den eine Kenntnis des 1150 entstandenen Ysengrimus, des ersten tierepischen Textes überhaupt, nicht auszuschließen ist, war enorm erfolgreich und wurde immer wieder kopiert. Geoffrey Chaucer erwähnt ihn in seinen Canterbury Tales und auch eine Beeinflussung der enorm erfolgreichen mittelenglischen Gedichte The Owl and the Nightingale und The Talis of the Five Bestys ist wahrscheinlich. Selbst in den Gesta Romanorum und in John Gowers beiden Hauptwerken, der Confessio Amantis und der Vox clamantis, sind Spuren nachweisbar. Für die Geschichtswissenschaft von besonderem Interesse sind die Inserte, die den eigentlichen Handlungsverlauf durchbrechen und in denen etwa über die Pflichten eines Bischofs (vv. 1669-1778), die Charakteristika der unterschiedlichen Orden (vv. 2051-2464) oder den Sittenverfall an der römischen Kurie (vv. 2559-2872) gehandelt wird. Insbesondere die Attacken gegen Zisterzienser und Säkularkanoniker fallen dabei außergewöhnlich scharf aus.

Über den Verfasser des Werks, Nigellus de Longchamp (Nigel of Longchamp; Nigel Witeker), ist nur wenig bekannt. Um 1130 geboren, war er wohl anglonormannischer Abkunft. In die Benediktinerabtei von Christ Church in Canterbury trat er um 1170 ein. Erhalten geblieben ist neben dem Narrenspiegel ein Traktat, in dem Simonie und Vetternwirtschaft innerhalb der Kirche in scharfem Ton gegeißelt werden (Tractatus contra curiales et officiales clericos). Nigel starb um 1200 in Canterbury.

Das Speculum Stultorum wurde 1960 kritisch ediert. [1] Die Übersetzung, die der Kölner Mittellateiner Karl Langosch besorgte, brachte den Text einer breiteren deutschen Öffentlichkeit näher. [2] Nun liegt eine neue, von Jill Mann besorgte kritische Edition vor, der eine umfangreiche Einführung vorgeschaltet ist, die nicht nur in den status quo der Forschungen zu Nigel of Longchamp einführt, sondern einige neue, bemerkenswerte Erkenntnisse bereithält. Als Widmungsträger der Schrift wird William of Longchamp, Bischof von Ely, identifiziert, der 1190 in Abwesenheit Richards I. (Löwenherz) und des Erzbischofs von Canterbury zum höchsten kirchlichen Würdenträger des Königreichs aufgestiegen war, durch baroniale Intrigen seine Stellung aber bald verlor und ins Exil gehen musste. Dies hinderte die Mönche in Canterbury aber nicht daran, 1191 nach dem Tod von Erzbischof Baldwin, dem sie in tiefer Abneigung verbunden waren [3], William of Longchamp als Kandidaten für das erzbischöfliche Amt zu favorisieren. Durchsetzen konnten sie sich damit nicht. Plausibel ist die Schlussfolgerung, dass die Hauptzielscheiben von Nigels Kritik - Könige, Bischöfe, Äbte, Prioren - diejenigen waren, die sich als Verfolger der Benediktinerkommunität von Canterbury hervorgetan hatten.

Auch zur (Neu)Datierung des Textes hat die Editorin einiges zu sagen. Textimmanente Hinweise auf Ordensgemeinschaften (etwa die in England recht "neuen" Kartäuser) und Herrscher machen eine Entstehungszeit in den frühen 1190-er Jahren wahrscheinlich. Damit favorisiert Mann eine Spätdatierung, die den Vorteil hat, dass sie die Wahrscheinlichkeit erhöht, im Widmungsträger "William" tatsächlich William of Longchamp zu sehen.

Die Editorin interpretiert den Prosabrief, den Nigel seinem Gedicht vorschaltet, aus einem Bemühen heraus, diesem Widmungsträger eines vor Augen zu führen: Es sind immer die Falschen, denen es gelingt, Karriere zu machen - in der monastischen Welt und weit darüber hinaus. Sie, die Schmeichelei und Bestechung einsetzen, sich oberflächlichen Wissens rühmen, Verwandte fördern, dabei aber alte Freunde vergessen, besetzen Schlüsselpositionen, die eigentlich anderen (Nigel?) gebührten. Der Schlussfolgerung, Nigel könnte sich durch seine Verse selbst für Höheres empfohlen haben, wohnt jedenfalls einiges an Plausibilität inne.

41 Handschriften wurden für die vorliegende Neuedition kollationiert und vier Handschriftengruppen zugeordnet - darunter finden sich neun, die in der Vorgängeredition keine Berücksichtigung gefunden hatten. Leicht war es nicht, auf dieser Grundlage einen zuverlässigen Text zu konstituieren, war die Variationsbreite von einer Handschrift zur anderen doch enorm. Verluste einzelner Blätter, Fehler beim Zusammenfügen der einzelnen Lagen im Bindeprozess oder ganz einfache Schreiberversehen sind für diese Situation ohne Zweifel mitverantwortlich. Komplizierter wird es dann, wenn Handschriften von dem Bemühen der Kopisten zeugen, den Text aus Gründen der Rezeptionserleichterung zu verkürzen oder sie das Ergebnis späterer Ergänzungen durch den Autor selbst sind. Die Editorin kann zeigen, dass sich der Text von einer Kurz- zu einer Langversion hin entwickelte.

Der Text zirkulierte zunächst vor allem in England und Schottland - die ältesten, aus dem 13. und 14. Jahrhundert stammenden Handschriften weisen klar englische Provenienz auf. Im 15. Jahrhundert sollte sich dies ändern. Der Text wurde in ganz Europa gelesen und weiter verbreitet. Geschätzt wurde er nicht zuletzt auch aufgrund seiner sprachlichen Qualitäten. Nigel erweist sich als ein Vertreter einer Bewegung (der Begriff "Renaissance des 12. Jahrhunderts" ist zuletzt etwas in Misskredit geraten), für die eine perfekte Beherrschung von lateinischer Grammatik und Stil charakteristisch war. Das Sprachniveau erreichte dabei solche Höhen, dass man sich mit den Vorbildern aus der klassischen Antike messen konnte. Für Nigel waren diese Vorbilder Vergil, Horaz und Lukan, vor allem aber Ovid: "Nigel's prosody is correct by classical standards, and reveals remarkable attention to classical precedents" (CLIII), auch wenn sich die Diktion im Speculum Stultorum trotz des Metrums eher prosaisch denn poetisch präsentiert. Aufgrund seiner antikurialen bzw. antimonastischen Stoßrichtung schätzten auch die Reformatoren des 16. Jahrhunderts den Text.

Die Kollationierung von 41 Handschriften resultierte ursprünglich in einem apparatus criticus, der mehr als 70.000 Worte umfasste. Für die vorliegende Druckversion musste nachvollziehbarerweise also gekürzt werden. Aufgrund der komplizierten Überlieferungslage war die Wahl einer Leithandschrift nicht realisierbar. Deshalb wurde im kritischen Apparat nicht nur auf die Verzeichnung einmalig (nur in einer Handschrift) auftauchender Varianten verzichtet. Vernachlässigt wurden auch Varianten in der Buchstabenfolge (etwa im Fall von m/n (nunquam/numquam)) und in der Wortfolge. Auch Schreibervarianten der Art ipse/ille/iste oder Wortwiederholungen fanden keine Berücksichtigung. Vor besondere Herausforderungen stellte der Umgang mit den in nahezu allen Handschriften vorhandenen Überschriften, die sich sowohl in Wortlaut als auch Platzierung stark voneinander unterscheiden. Hier wurde pragmatisch vorgegangen und dem Gliederungsschema einer einzigen Handschrift gefolgt. Ergebnis ist ein zuverlässiger Text samt Apparat, der die Schwächen der Vorgängeredition behebt. Dies gilt auch für die englische Prosaübersetzung, die die Mitte zwischen Wortgenauigkeit und Lesbarkeit sehr gut hält. Fußnoten weisen auf übersetzungstechnische Schwierigkeiten explizit hin.

Von der philologisch gelungenen, durch zwei Indices (1. quotations and allusions; 2. general index) erschlossenen Neuedition werden sowohl Historiker als auch Literaturwissenschaftler profitieren. Sie wird ihren Wert auf lange Zeit hin behalten.


Anmerkungen:

[1] Speculum Stultorum, ed. John H. Mozley, Robert R. Raymo, Berkeley 1960. Auch der Tractatus liegt in einer kritischen Edition vor: Tractatus contra curiales et officiales clericos, ed. André Boutemy, Paris 1959.

[2] Nigellus von Longchamp: Narrenspiegel oder Burnellus, der Esel, der einen längeren Schwanz haben wollte, übersetzt von Karl Langosch, Leipzig 1982.

[3] Dieser Konflikt steht im Zentrum der neuen Studie von James Barnaby: Religious Conflict at Canterbury Cathedral in the Late Twelfth Century. The Dispute between the Monks and the Archbishops, 1184-1200 (= Studies in the History of Medieval Religion; 56), Woodbridge 2024.

Ralf Lützelschwab