Oliver Rathkolb / Bertrand Perz / Sybille Steinbacher (Hgg.): Die Porr AG und ihre Tochterunternehmen in der NS-Zeit, Berlin: Metropol 2025, 407 S., 60 Abb., ISBN 978-3-86331-783-6, EUR 24,00
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Der 1869 gegründete börsennotierte Baukonzern Porr Aktiengesellschaft war und ist eines der ältesten und größten Bauunternehmen Österreichs. Der gegenwärtige Vorstandschef Karl-Heinz Strauss unterstreicht im Vorwort, dass sich das Unternehmen mit der vorliegenden Studie über seine Geschichte in den Jahren 1938 bis 1945 der Verantwortung mit neuen Fakten und neuer Tiefe stellen will - und das nicht zum ersten Mal. [1]
Im Jahr 2021 wurde das renommierte internationale Historikerteam um Oliver Rathkolb, Bertram Perz und Sybille Steinbacher in Kooperation mit dem Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main mit der umfassenden Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte während der NS-Zeit beauftragt. Zu den ausgewiesenen Expertinnen und Experten, die darüber hinaus an der Studie beteiligt waren, zählten die polnische Historikerin Maria Czaputowicz-Głowacka sowie die Historiker Mišo Kapetanović aus Slowenien, Pavel Szobi aus Tschechien und Christian Rabl aus Österreich.
Der inhaltliche Bogen der Studie spannt sich über neun Einzelartikel mit Themen wie einer kurzen Unternehmensgeschichte und der Positionsbestimmung der Baugesellschaft als Teil der österreichischen Bauwirtschaft zwischen 1938 und 1945. Ferner werden die schnelle 'Arisierung' des Verwaltungsrats und des Gesamtunternehmens zwischen März und September 1938 sowie die Veränderung in der Aktionärsstruktur mittels einer Reihe von Ankäufen von Porr-Aktien vormaliger jüdischer Aktionäre durch das deutsche Adelshaus Hannover-Braunschweig-Lüneburg behandelt. Ernst August von Hannover und sein Haus kontrollierten schließlich mit 42,7 Prozent des Aktienkapitals das Porr-Unternehmen, sie blieben bis 1991 Haupteigentümer der Porr AG. Bauliche Aktivitäten der Porr AG und ihrer Tochtergesellschaft, der Allgemeinen Straßenbau AG (Allbau), in Polen, Kroatien, Serbien und der Slowakei wurden ebenso erforscht wie das System der Zwangsarbeit. Als Einzelfalluntersuchungen stehen exemplarisch die Aktivitäten der Porr AG mit den Böhlerwerken in Kapfenberg und St. Marein - hier im Kontext der Kriegsrüstung für die deutsche Wehrmacht und Luftwaffe beim Bau eines neuen Geschützwerks, der Errichtung eines Panzerwerks und eines Elektrostahlgusswerks.
Die Stammbelegschaft bei Porr umfasste 1938 rund 900 Facharbeiter und 270 Angestellte (Ingenieure, Baumeister, Techniker, Poliere), die Zahlen stiegen bis Juli 1944 auf 1200 Arbeiter und 370 Angestellte. Im besonderen Fokus des Historikerteams standen Einsatz, Behandlung, Lebens- und Arbeitsalltag von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern - unter ihnen Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge sowie Juden und Jüdinnen, wobei letztere unter besonders furchtbaren Arbeitsbedingungen litten.
Hauptauftraggeber für die Porr AG war die Organisation Todt, das Baubüro Albert Speer, diverse große Rüstungsunternehmen wie die Reichswerke Hermann Göring, die Reichsbahn, die Reichsautobahngesellschaft und die Zentralbauleitung der Waffen-SS. Als Subunternehmerin der Interessensgemeinschaft (IG) Farbenindustrie war die Porr AG beispielsweise ab 1941 in Auschwitz für Pfahlrammungen und Hochbauten tätig. 1942 errichtete sie dort ein Schalthaus und führte Arbeiten für die Buna-Fabrik aus. Vor allem polnische Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen kamen hier zum Einsatz, aber auch Gefangene aus dem Konzentrationslager Auschwitz-Monowitz. Experten berechneten, dass die Sterblichkeit bei den eingesetzten KZ-Häftlingen bei 50 Prozent lag. Anders gerechnet: Die durchschnittliche Überlebensdauer eines Häftlings lag bei drei bis vier Monaten. Nur spärlich vorliegende Quellen, beispielswiese Wochenberichte der Porr AG für den Bau des IG Farbenwerks in Auschwitz, dokumentierten wöchentlich 150 bis 350 eingesetzte (Zwangs-)Arbeitskräfte, davon zwischen 25 und 40 KZ-Häftlinge.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs erhöhte sich der Einsatz ausländischer Arbeitskräfte bei Porr für den Bau von Rüstungsbetrieben, Hütten- und Zementwerken, Straßen, Tunneln und Brücken sowie Stollenanlagen und Untertage-Verlagerungen für die Rüstungswirtschaft sprunghaft. Die Rekrutierungspraktiken des NS-Regimes für Zwangsarbeit wurden im Kriegsverlauf zunehmend brutaler. Neben mehreren Tausend zivilen ausländischen Arbeitskräften aus fast 20 Nationen setzte Porr ab 1940 auch größere Kontingente von Kriegsgefangenen - etwa für den Reichsautobahnbau in Heiligenkreuz und im Maltatal - ein. Im Mai 1944 erreichte die Zahl der Kriegsgefangenen mehr als 2500. Diese arbeiteten in Serbien im Rahmen des Organisation Todt-Eisenbahnbauprojekts zwischen Bor und Žagubica. Der Porr-Vorstand und die Bauleitungen vor Ort versuchten ständig mehr ausländische Zwangsarbeitskräfte zugewiesen zu bekommen, um den Weiterbestand von dutzenden Baustellen der Porr AG im angeschlossenen Österreich, in den besetzten Gebieten und in der Slowakei zu garantieren. Ethische Bedenken über Einsatz und Umgang mit diesen Arbeitskräften äußerten sie nicht. Der Höhepunkt wurde im Herbst 1943 erreicht, als rund 6500 Arbeiter und Arbeiterinnen auf allen Porr-Baustellen tätig waren, 90 Prozent davon zivile ausländische Kräfte und davon 1850 Kriegsgefangene. Das Unternehmen profitierte immens vom massiven Einsatz von Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen und konnte auf dieser Basis seine Baukapazitäten in der NS-Zeit enorm um zwei Drittel vergrößern. Letztlich liegen jedoch keine gesicherten Zahlen vor, wie viele ausländische (Zwangs-)Arbeitskräfte insgesamt zwischen 1939 und 1945 für die Porr AG tätig waren.
Es wäre wünschenswert gewesen, wenn das Herausgeberteam noch ein ausführliches quellenfundiertes Kapitel über die Zeit nach 1945 integriert hätte - insbesondere über die Entnazifizierung der Vorstände der Porr AG und der Allbau-AG, den internen Meinungsbildungsprozess in Bezug auf Entschädigungsmaßnahmen für Zwangs- und KZ-Arbeit - das Abweisen von Schadenersatzklagen - sowie die konkrete Beteiligung am Österreichischen Fonds für Versöhnung, Frieden und Zusammenarbeit mit freiwilligen Zahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter des NS-Regimes auf dem Gebiet der heutigen Republik Österreich in den Jahren 2000 bis 2005.
Die internationale Zusammensetzung des Forschungsteams ermöglichte die Analyse und Bewertung von Archivdokumenten aus Österreich und Deutschland, aber vor allem auch aus Polen, der Slowakei, Slowenien, Kroatien und Serbien. Hier hätte sich, ähnlich dem Literaturverzeichnis, eine Zusammenstellung der genutzten nicht-deutschsprachigen Archive und Bestände angeboten. In nur zwei Abschnitten - die Porr AG in den polnischen Gebieten unter deutscher Besatzung und in Serbien - wird konkret zur Quellenlage Stellung bezogen. Geplante Forschungen in der Ukraine konnten aufgrund des Angriffskriegs Russlands nicht durchgeführt werden. Bisher liegen nur wenige Studien über Zwangs- und KZ-Arbeit von Baufirmen für Österreich, aber auch für Deutschland vor. [2] Mit der Arbeit über die Porr AG wird somit eine echte Forschungslücke geschlossen.
Anmerkungen:
[1] Bereits publiziert zum 125-jährigen Bestehen der Porr AG wurden Herbert Matis / Dieter Stiefel: "Mit der vereinigten Kraft des Capitals, des Credits und der Technik ...". Die Geschichte des österreichischen Bauwesens am Beispiel der Allgemeinen Baugesellschaft - A. Porr Aktiengesellschaft. Band 1 und 2, Wien / Köln / Weimar 1994, und zum 150-jährigen Jubiläum Manfred Waldenmair (Hg.): Bauen verbindet Menschen. PORR AG. Seit 150 Jahren Innovationskraft für Spitzenleistungen, Wien 2019.
[2] Weitaus weniger detailliert als die vorliegende Arbeit setzten sich die Studien von Manfred Pohl mit Zwangs- und KZ-Arbeit bei Bauunternehmen in der NS-Zeit auseinander; vgl. Manfred Pohl: Die Strabag 1923 bis 1998, München 1998; ders.: Philipp Holzmann. Geschichte eines Bauunternehmens 1849-1999, München 2000.
Heike Amos