Ana Lucia Araujo / Klara Boyer-Rossol / Myriam Cottias: Esclavages. Représentations visuelles et cultures matérielles, Paris: CNRS Éditions 2024, 543 S., ISBN 978-2-271-15116-2, EUR 27,00
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Im Zentrum des umfangreichen Sammelbandes steht die Frage, wie Sklaverei durch Bilder, Objekte, materielle Kultur und archäologische Spuren sichtbar gemacht, erinnert und zugleich ideologisch geformt wurde. Untersucht wird also nicht nur die Institution der Sklaverei selbst, sondern es werden auch die visuellen und materiellen Systeme, durch die Herrschaft, Rassifizierung und koloniale Macht legitimiert wurden, analysiert. Die Herausgeberinnen verfolgen einen dezidiert interdisziplinären Ansatz. Sie argumentieren in ihrer Einleitung, dass die klassische Sklavereiforschung lange Zeit von quantitativen Studien, ökonomischer Analyse und institutioneller Geschichte dominiert gewesen sei. Zwar seien diese Perspektiven unverzichtbar, doch hätten sie häufig die Erfahrungswelt der Versklavten selbst ausgeblendet. Deshalb richtet sich der Fokus nun auf Bilder, Gegenstände und materielle Überreste ("images, objets et vestiges"), die neue Zugänge zur Geschichte der Gewalt, aber auch der Kreativität und Selbstbehauptung eröffnen. Bilder werden dabei nicht als neutrale Dokumente verstanden, sondern als aktive Produzenten sozialer Ordnung. Sie prägen Wahrnehmungen von Differenz, Hautfarbe und kultureller Hierarchie.
Die Beiträge des ersten großen Themenkomplexes widmen sich den visuellen Repräsentationen der Sklaverei. Dabei wird gezeigt, wie europäische und koloniale Bildwelten Schwarze Körper stereotypisierten und gleichzeitig die Gewalt der Sklaverei verschleierten. Mehrere Autor*innen untersuchen Gemälde, Druckgrafiken, Tapisserien und koloniale Illustrationen vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Ein zentrales Anliegen besteht darin, die Mechanismen sichtbar zu machen, mit denen rassische Differenz erzeugt wurde. So widmet sich Ana Lucia Araujo französischen Darstellungen afrobrasilianischer Bevölkerungen im 19. Jahrhundert. ("Culture visuelle et mémoire de l'esclavage: regards français dur les populations d'origine africaine dans le Brésil du XIXe siècle", 25-54) Sie zeigt, wie französische Reisende, Künstler und Intellektuelle Brasilien als exotischen Raum konstruierten, in dem Schwarze Menschen zugleich als Zeichen von "Andersheit" und als Bestandteil kolonialer Ordnung erschienen. Die Bilder dienten nicht bloß ethnographischer Beschreibung, sondern reproduzierten rassistische Hierarchien und legitimierten koloniale Vorstellungen von Zivilisation und Rückständigkeit. Ein weiterer Beitrag befasst sich mit der weitgehenden Unsichtbarkeit versklavter Menschen in der spanischen Malerei des "Siglo de Oro". (Carmen Fracchia: "Représentation visuelle des esclaves noirs dans la peinture de l'Âge d'or espagnol", 55-70) Gerade diese Abwesenheit wird als historisch bedeutend interpretiert: Die Nichtdarstellung Schwarzer Sklaven verdeutlicht, wie koloniale Gesellschaften soziale Realität selektiv sichtbar machten. Schwarze Menschen waren ökonomisch präsent, wurden kulturell jedoch marginalisiert oder nur als dekorative Nebenfiguren integriert. Die Analyse macht deutlich, dass Unsichtbarkeit selbst eine Form visueller Macht darstellt. Ein anderer Text untersucht die Darstellung afrikanischer Frauen und Afrodescendientes in der Vizekönigsherrschaft Neuspanien. (María Elisa Velázquez: "Costume, caractère et coutume: Africains et Afro-descendantes dans la images picturales de la vice-royauté du Mexique", 71-104) Kleidung, Körperhaltung und Hautfarbe fungieren dort als codierte Zeichen sozialer Position. Die koloniale Ikonographie verknüpfte Äußerlichkeiten mit moralischen Zuschreibungen und schuf damit ein visuelles System rassischer Klassifikation.
Kunstgeschichte und Kolonialgeschichte greifen, wie etwa Cécile Fromont und Anne Lafont in ihren Aufsätzen "Kongo, Brésil, France et colonies: les enjeux du visible et de l'invisible dans la Tenture des Indes de la Ville Médicis" (105-149) bzw. "Comment la couleur est devenue un marqueur racial. Perspectives d'histoire de l'art sur la race" (141-172) sehr schön verdeutlichen, ineinander. Ein Beitrag von Nicholas Radburn und David Eltis behandelt dann die berühmten Abbildungen des Sklavenschiffes "Brookes". ("Visualiser le passage du milieu. Le Brooks et la réalité de l'entassement à bord pendant la traite transatlantique", 245-282) Diese Darstellungen, die im abolitionistischen Kampf des späten 18. Jahrhunderts genutzt wurden, gehören zu den bekanntesten Bildern des transatlantischen Sklavenhandels. Radburn und Eltis analysieren die politische Wirkung dieser Visualisierungen. Die Autoren zeigen, dass die schematische Anordnung der Körper an Bord des Schiffes das Grauen der Überfahrt sichtbar machte und dadurch zu einem mächtigen Instrument abolitionistischer Mobilisierung wurde. Zugleich wird darauf hingewiesen, dass selbst diese Bilder die Versklavten häufig anonymisierten und auf Körpermasse reduzierten. Sie bewegten sich damit zwischen humanitärer Anklage und erneuter Objektivierung.
Der zweite große Themenbereich des Bandes widmet sich der materiellen Kultur und der Archäologie der Sklaverei. Hier verschiebt sich der Fokus von der Repräsentation zur konkreten Lebenswelt der Versklavten. Archäologische Forschungen erlauben es, Spuren des Alltags sichtbar zu machen, die in schriftlichen Quellen oft fehlen. Besonders wichtig ist dabei die Frage, wie Versklavte trotz extremer Unterdrückung eigene soziale und kulturelle Räume schufen. Mehrere Beiträge analysieren archäologische Befunde aus Westafrika, den Antillen, Brasilien und dem Indischen Ozean. Die Forschungen zeigen, dass Sklaverei nicht nur ein System ökonomischer Ausbeutung war, sondern auch eine tiefgreifende Transformation von Räumen, Landschaften und materiellen Praktiken bedeutete. Häuser, Keramik, Essgewohnheiten oder religiöse Objekte werden als historische Quellen gelesen. Der Aufsatz von Yaw Bredwa-Mensah zur Archäologie der Sklaverei in Westafrika ("Archéologie de l'esclavage an Afrique de l'Ouest", 315-332) verdeutlicht, dass afrikanische Gesellschaften nicht bloß passive Opfer des transatlantischen Handels waren, sondern selbst komplexe politische und ökonomische Dynamiken entwickelten. Archäologische Überreste machen sichtbar, wie Handelsnetzwerke funktionierten und wie sich Gewalt und Gefangenschaft in die Landschaft einschrieben. Spannend ist die Untersuchung von Ibrahima Thiaw zur Insel Gorée im Senegal. ("Esclaves sans chaînes: une archéologie de la vie quotidienne sur l'île de Gorée (Sénégal)", 333-354) Gorée gilt als symbolischer Ort des transatlantischen Sklavenhandels, doch der Verfasser hinterfragt romantisierte Erinnerungskulturen. Durch archäologische Analysen des Alltags zeigt Thiaw, dass die Geschichte der Insel komplexer war als nationale oder touristische Narrative oft suggerieren. Die materielle Kultur eröffnet hier einen differenzierten Blick auf soziale Beziehungen, Handel und koloniale Macht. Weitere Kapitel befassen sich mit Plantagenlandschaften in Brasilien und der Karibik. Die Autor*innen rekonstruieren, wie Versklavte Wohnräume organisierten, Nahrung beschafften und soziale Netzwerke aufrechterhielten. Besonders die Untersuchung der Ernährungspraxis auf französischen Antillenplantagen ("Kenneth G. Kelly / Diane Wallman: "Les habitudes alimentaires des esclaves dans la plantations des Antilles françaises, XVIIIe-XIXe siècles", 377-404) zeigt, dass Essen nicht nur Überlebensmittel, sondern auch Ausdruck kultureller Kontinuität war. Bestimmte Kochtechniken und Zutaten verbanden afrikanische Traditionen mit lokalen Gegebenheiten und trugen zur Entstehung kreolischer Kulturen bei.
Ein weiterer Schwerpunkt des Buches liegt auf Formen kultureller Kreativität und Widerständigkeit. Die Herausgeberinnen betonen, dass Sklaverei nicht ausschließlich als Geschichte der Opferrolle verstanden werden darf. Trotz extremer Gewalt entwickelten versklavte Menschen Praktiken der Selbstbehauptung, Spiritualität und kulturellen Erneuerung. Dies verdeutlicht die Untersuchung religiöser Symbolsysteme in Haiti oder Brasilien. Der Beitrag über die "vèvè"-Symbole haitianischer Religionspraktiken (Carlo Célius: "Considérations sur l'invention des vèvè", 441-460) interpretiert diese Zeichen als Ausdruck kultureller Kontinuität und kreativer Transformation afrikanischer Traditionen in der Diaspora. Solche Praktiken waren nicht nur religiöse Handlungen, sondern auch Formen kollektiver Erinnerung und sozialer Organisation. Auch Marronage - die Flucht versklavter Menschen und die Bildung autonomer Gemeinschaften - spielt eine wichtige Rolle. Jean Moomou verknüpft das Thema geschickt mit der Architektur der Bushinengue-Gesellschaften in Französisch-Guayana und Suriname. ("Habiter le lieu et construire. L'architecture, une entrée dans l'histoire matérielle des Marrons bushinenge (XVIIIe-années 1990)", 461-518) Häuserbau und räumliche Organisation werden hier als materielle Manifestationen von Freiheit interpretiert. Architektur erscheint somit als historisches Archiv widerständiger Praxis.
Insgesamt leistet Esclavages. Représentations visuelles et cultures matérielles einen wichtigen Beitrag zur internationalen Sklavereiforschung. Der Band zeigt, dass materielle Kultur und visuelle Repräsentationen keine nebensächlichen Ergänzungen historischer Forschung sind, sondern zentrale Quellen zum Verständnis kolonialer Macht. Durch die Verbindung von Kunstgeschichte, Archäologie und Sozialgeschichte sowie die Verknüpfung von Mikro- Meso- und Makroperspektiven entsteht ein vielschichtiges Bild der Sklaverei als globales System extremer starker asymmetrischer Abhängigkeiten mit den dazugehörigen Formen von Gewalt, aber auch als Raum kultureller Transformation und widerständiger Kreativität. Die Versklavten erscheinen nicht nur als Objekte kolonialer Herrschaft, sondern als historische Akteure mit eigenen Wissensformen, ästhetischen Praktiken und kulturellen Strategien.
Stephan Conermann