Rezension über:

Konrad Canis: Konstruktiv gegen die Revolution. Strategie und Politik der preußischen Regierung 1848 bis 1850/51, Paderborn: Brill / Ferdinand Schöningh 2022, VIII + 541 S., ISBN 978-3-506-70834-2, EUR 79,00
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Rezension von:
Manfred Hanisch
Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Manfred Hanisch: Rezension von: Konrad Canis: Konstruktiv gegen die Revolution. Strategie und Politik der preußischen Regierung 1848 bis 1850/51, Paderborn: Brill / Ferdinand Schöningh 2022, in: sehepunkte 23 (2023), Nr. 2 [15.02.2023], URL: https://www.sehepunkte.de
/2023/02/36644.html


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Konrad Canis: Konstruktiv gegen die Revolution

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Das Buch behandelt die Politik der preußischen Regierung von der Revolution 1848 bis 1850/51, als das Erfurter Unionsprojekt endgültig gescheitert ist. Es ist im Wesentlichen eine politikgeschichtliche Analyse, die im Großen und Ganzen auf über 500 Seiten den bisherigen Forschungsstand bestätigt. Das mag auf den ersten Blick enttäuschend klingen. Der wissenschaftliche Wert liegt jedoch im Detail. Noch nie wurde dieser Zeitraum für Preußen so gründlich einer Analyse unterzogen, die alle berücksichtigt, die am politischen Prozess teilgenommen haben. Das Ergebnis: König Friedrich Wilhelm IV., bekanntlich durch und durch Reaktionär, im Herzen ein Neoabsolutist, obendrein sprunghaft, unberechenbar, wankelmütig und von der revolutionären Situation überfordert, setzt sich weitgehend durch.

Jedoch unterhalb der letztlich entscheidenden Ebene des Monarchen gibt es in der Bürokratie, in der Aristokratie und im Bürgertum Preußens auf Reform ausgerichtete Kräfte, die "Konstruktiv gegen die Revolution" vorgehen wollen. Dieser Titel des Buches will sagen: Eine Politik, die zwar gegen die Revolution gerichtet ist, aber Forderungen der Revolution aufgreift, darunter vor allem die nationalpolitischen Forderungen, um sie konstruktiv für eine Machtsteigerung Preußens zu nutzen. Nicht schlichte Verweigerung gegenüber der revolutionären Forderung nach einem Nationalstaat, sondern diesen Impetus in die Bahnen des Machtzugewinns für die preußische Krone zu lenken, war das Ziel der reformorientierten Kräfte in Teilen der preußischen Staatsverwaltung. Damit wird das Erfurter Unionsprojekt ein zentrales Thema des Buches. Noch nie wurde dieses so eingehend untersucht und noch nie wurden alle am politischen Entscheidungsprozess beteiligten Kräfte einer solch gründlichen Analyse unterzogen. "Dabei zeigt sich, dass das Bild von Preußen als Hort der Gegenrevolution einer differenzierten Einschätzung weichen muss." (Klappentext).

Was sind nun die Differenzierungen, die Konrad Canis (geb. 1938), der sich zeitlebens mit Preußen beschäftigt hat, in seinem Alterswerk vornimmt? An erster Stelle ist zu nennen, überhaupt die reformorientierten Kräfte herausgearbeitet zu haben, die die Forschung bisher nur wenig beachtet hat. Dann sieht sich der König nach vielem Hin und Her gezwungen, einer Verfassung zuzustimmen, die er zwar zutiefst ablehnte, aber dass Preußen überhaupt ein Verfassungsstaat geworden ist und - anders als z. B. Österreich - über die Revolution hinweg einer geblieben ist, ist die fortdauernde Wirkung der Revolution von 1848. Auch wenn diese Verfassung Januar 1850 revidiert und mit der Einführung des Dreiklassenwahlrechts schon Mai 1849 erheblich in ihrer partizipatorischen Wirkung eingeschränkt wurde.

Ein wichtiger Grund für die Einführung und den Fortbestand der Verfassung waren die nationalpolitischen Ambitionen Preußens. Die Einheit der deutschen Nation war 1848 eben aufs Engste mit der Einführung einer Verfassung verknüpft. 1848 sollten Einheit und Verfassung Deutschlands durch die allgemeine Wahl zur Nationalversammlung geschaffen werden. Aber die Verknüpfung von Verfassung und nationaler Einheit blieb gewandelt weiter bestehen, selbst als eine Einheit Deutschlands als "Erfurter Union" als Fürstenbund unter der Führung Preußens von oben geschaffen werden sollte. Eine Verfassung blieb conditio sine qua non für einen gleich wie anzustrebenden deutschen Nationalstaat. Daher wurde das Erfurter Unionsprojekt auch flankiert von Wahlen zu einem Unionsparlament (freilich auch hier auf der Basis eines Dreiklassenwahlrechts). Diese Koppelung von Verfassung und Nationalstaat herausgearbeitet zu haben, ist ein weiteres Verdienst des Buches.

Das Erfurter Unionsprojekt scheitert bekanntlich aus mehreren Gründen. Von den Königreichen unterstützen Hannover und Sachsen den Fürstenbund, und das nur anfänglich. Das Projekt bleibt auf Preußen und deutsche Kleinstaaten beschränkt. Die größeren Fürsten wollen sich keiner preußischen Hegemonie unterordnen. Bayern allen voran, das mit der Triaspolitik eigene Ideen zur nationalen Zukunft Deutschlands verfolgt. Vor allem scheitert das Erfurter Unionsprojekt aber an dem entschiedenen Widerspruch Österreichs und Russlands, die in aller Deutlichkeit Preußen auf seine unzureichende militärische Machtbasis aufmerksam machen. Angesichts der Kriegsdrohung muss der preußische König in der Punktation von Olmütz (November 1850) einer Rückkehr zum vorrevolutionären Status quo ante zustimmen. Der Deutsche Bund wird wieder so restauriert, wie er vorher war, und das hieß auch unter dem Vorsitz Österreichs. Das war für Preußen besonders schmerzlich.

Die Punktation von Olmütz wird gemeinhin als krachende Niederlage der preußischen Politik interpretiert. Dieser Einschätzung folgt Canis nicht ganz. Er verweist auf die in Olmütz vereinbarten Dresdner Konferenzen (Dezember 1850 bis Mai 1851), in denen die Zukunft des Deutschen Bundes verhandelt werden sollte. Die Dresdner Konferenzen hätten für Preußen die Perspektive einer neben Österreich gleichberechtigten Großmacht geboten. Bekanntlich war genau dies nicht das Ziel der österreichischen Diplomatie, die sich mit Rückendeckung der übrigen Königreiche in Deutschland (und Russlands) voll durchgesetzt hat. Canis interpretiert die Situation nach Olmütz ergebnisoffener als in der bisherigen Forschung.

Canis deutet das preußische Unionsprojekt auch sehr stark als Vorläufer der Reichseinigung von 1871. Das gilt nicht nur für die Perspektive einer nationalen Einigung als Fürstenbund von oben unter preußischer Führung, sondern auch für die Verschränkung von nationaler Einheit mit der Verfassungsfrage. Canis setzt hier einen neuen Akzent in der Forschung. Mit der Einführung des allgemeinen (Männer-)Wahlrechts zum Reichstag geht Bismarck sogar weiter als das Erfurter Unionsprojekt, das nur ein Dreiklassenwahlrecht vorsah. Schon das Ministerium des Grafen Friedrich Wilhelm von Brandenburg (November 1848-1850) habe, so Canis, letztlich das versucht, was dann Bismarck gelungen ist, und zwar auch deshalb gelungen ist, weil Bismarck den machtpolitischen Realitäten besser Rechnung getragen hat. Dies konnte er, weil sich ebendiese durch den Krimkrieg (1853-56) und den italienisch-französisch-österreichischen Krieg von 1859 geändert haben und nicht zuletzt, weil Preußen wegen seiner Heeresreform militärisch besser aufgestellt war. Der Weg einer nationalen Einheit von oben unter preußischer Führung mit den Mitteln von "Eisen und Blut" war jetzt frei.

Fazit: Noch nie wurde die preußische Politik in ihrer Verschränkung von nationaler Frage und Verfassungsfrage für den Zeitraum von 1848 bis 1850/51 und unter Auseinandersetzung mit den bisherigen Forschungspositionen so eingehend untersucht. Canis hat jetzt das Standardwerk dazu geschrieben.

Manfred Hanisch