Mathias Beer (Hg.): Landesgeschichte mit und ohne Land. West- und ostdeutsche Historische Kommissionen nach 1945 (= Schriftenreihe des Instituts für Donauschwäbische Geschichte und Landeskunde; Bd. 27), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2023, 287 S., ISBN 978-3-515-13516-0, EUR 60,00
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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.
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Historische Kommissionen sind eine verbreitete Organisationsform für regional ausgerichtete Zusammenschlüsse geschichtswissenschaftlich arbeitender Personen. Der vorliegende, aus einer Ende Oktober 2017 am Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde (IdGL) in Tübingen veranstalteten Tagung hervorgegangene Sammelband vereint neben zwei einleitenden Reflexionen (Mathias Beer, Carl-Hans Hauptmeyer) und einer Synthese zur Gegenwart und Zukunft Historischer Kommissionen (Matthias Thumser) vier Fallstudien zu Historischen Kommissionen "mit" und fünf zu Historischen Kommissionen "ohne Land".
In seiner Einleitung konstruiert Beer einen in seiner Dichotomie etwas holzschnittartig wirkenden Gegensatz zwischen Geschichtsschreibung und Geschichtsforschung (10). Der Landesgeschichte attestiert er eine gewisse Unprofessionalität im Vergleich zur "großen Geschichte". Das zweite, bereits im Buchtitel aufscheinende Gegensatzpaar zwischen "Landesgeschichte mit Land" und "Landesgeschichte ohne Land" begründet er mit der "enge[n] Bindung an eine politische Einheit" (11), die der Arbeit einer Historischen Kommission üblicherweise zugrunde liege. Diese Anbindung sei bei den Historischen Kommissionen, die sich nach 1945 in Erinnerung an eine historische deutsche Ostprovinz oder ein deutsches Siedlungsgebiet im östlichen Europa konstituiert hätten, nicht mehr gegeben. Hauptmeyer gliedert die Historischen Kommissionen im deutschsprachigen Raum in drei Hauptkategorien: solche, die bereits in der Zwischenkriegszeit konstruiert wurden, mit Kontinuitäten über 1945 hinaus; solche mit Kontinuitäten bei neuen Bezugsrahmen; sowie die sogenannten ostdeutschen Historischen Kommissionen mit einem Kontinuitätsbruch nach dem Zweiten Weltkrieg. Hauptmeyer grenzt Historische Kommissionen gegenüber Geschichtsvereinen ab, denen er ein geringeres Maß an Professionalität attestiert. Diese Einschätzung wirkt etwas pauschal, denn erstens sind die meisten Historischen Kommissionen nach dem Vereinsrecht konstituiert, zweitens dürften in der Realität die Übergänge zwischen beiden Formen fließend sein.
Aus dem Bereich Historischer Kommissionen mit Land werden die Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde seit 1945 (Max Plassmann), die Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg (Lioba Keller-Drescher), die gescheiterten Versuche einer Kommissionsgründung in Schleswig-Holstein (Martin Göllnitz) sowie die nach 1990 reaktivierte Historische Kommission für Sachsen-Anhalt (Mathias Tullner) vorgestellt.
In die Problematik der "Landesgeschichte ohne Land" mit Blick auf die "ostdeutschen" Historischen Kommissionen führt Wolfgang Kessler unter der Überschrift "Kontinuitäten und Neuanfänge" allgemein ein. Darauf folgen Fallstudien zur Kommission für die Geschichte der Deutschen in Polen (Matthias Barelkowski, Eike Eckert), zur Südostdeutschen Historischen Kommission und ihrem Gründer Fritz Valjavec (Norbert Spannenberger), zur Baltischen Historischen Kommission (David Feest) sowie zur Historischen Kommission für Schlesien (Roland Gehrke).
Die Grundidee des Bandes, die sich in den einleitenden Texten von Beer und Hauptmeyer artikuliert, beruht auf einer angenommenen klaren Unterscheidbarkeit: Historische Kommissionen versus regionale Geschichtsvereine, "westdeutsche" versus "ostdeutsche" Verhältnisse. Diese Schematisierung hält einer kritischen Lektüre der Einzelstudien zu den untersuchten Gegenständen nur schwer stand. Sowohl das "Rheinland" als auch das "Niedersachsen" vor der Gründung des gleichnamigen Bundeslandes innerhalb der britischen Besatzungszone waren unspezifische Raumkonstrukte, sodass hier ein Raumbezug ("mit Land") kaum hergeleitet werden kann. Andererseits sind nicht alle "ostdeutschen" Historischen Kommissionen, die nach 1945 im Kontext der Vertriebenenkulturarbeit entstanden sind, auf einen klar umrissenen Raum bezogen. Dies gelingt am ehesten den Historischen Kommissionen für die geschichtlichen preußischen Ostprovinzen des Deutschen Reichs - Ost- und Westpreußen, Pommern und Schlesien. Doch die Kommissionen für die Deutschen in Polen sowie die Deutschen in Südosteuropa haben kein konkret verlorenes Territorium als Referenzgröße, sondern jeweils ein Konglomerat sehr disparater Siedlungsgebiete, in denen Deutsche in enger Nachbarschaft zu Menschen andersethnischer Zugehörigkeit lebten. Im Falle der Deutschen in Südosteuropa reichen diese Siedlungsgebiete von der heute zu Slowenien gehörenden Gottschee (Kočevje) bis nach Bessarabien, heute aufgeteilt auf die Staaten Moldau und Ukraine. Darunter fallen neben Gebieten mit deutscher Besiedlung seit dem Mittelalter (Zips, Gottschee, Siebenbürgen) Bereiche der habsburgischen, osmanischen und russländischen imperialen Kolonisierungspolitik in der neueren Geschichte. Die "Deutschen in Südosteuropa" sind eine Erfindung der völkischen Minderheitenbetreuung der Zwischenkriegszeit, die nach 1945 von einigen Landsmannschaften reaktiviert wurde - wohl, um gegenüber den quantitativ großen und einflussreichen Landsmannschaften der Ostpreußen, Schlesier und Sudetendeutschen mehr Gewicht zu bekommen. Ein verlorenes Land steht dahinter nicht. Eine gemeinsame Identität als "Südostdeutsche" war eher ein Wunschtraum von Volkstumsideologen als eine gesellschaftliche Wirklichkeit.
Ungeachtet der hier vorgebrachten grundlegenden Kritik an der Konzeption des Sammelbandes stellen die einzelnen Fallstudien wertvolle Beiträge zur Entwicklung der historisch-landeskundlichen Forschung in Deutschland bzw. der institutionalisierten "Ostkunde" nach 1945 dar. Dabei werden in einigen Bereichen auch neue Fakten präsentiert, etwa im Aufsatz von Spannenberger in Bezug auf die Biografie von Valjavec, die in Ermangelung einer umfangreicheren Studie bis heute ein Desiderat darstellt. Auch Feests Studie zu der Baltischen Historischen Kommission und ihrer Transformation von einer erlebnisgeschichtlichen zu einer von Erkenntnisinteresse getragenen Institution ist ein lesenswerter Beitrag hinsichtlich der Professionalisierung der Beschäftigung mit dem östlichen Europa nach der Wiedererlangung der staatlichen Autonomie der baltischen Republiken nach der Zeit der Bevormundung durch die UdSSR.
Dieser Beitrag wie auch die Darstellung von Gehrke zur Historischen Kommission für Schlesien zeigen letztlich, wie stark Kontinuitäten der Zeit vor 1945 in der Nachkriegszeit nachwirkten. In dieser Hinsicht unterschieden sich auch die west- und die "ostdeutschen" Historischen Kommissionen nur wenig voneinander. In einer Zeit aber, in der die Historischen Kommissionen zunehmend mit internationalen Expert:innen besetzt werden, dürfte die Frage nach "mit" oder "ohne Land" ohnehin immer mehr an Relevanz verlieren.
Tobias Weger